r Primavera
Damiano Michieletto, Italy, France, 2025o
In 18th-century Venice, the talented violinist Cecilia grows up in a home for orphaned girls. The school trains the young women in music with a view to securing them lucrative marriages. With the arrival of a new teacher, Cecilia is given her first chance to escape the prospect of an arranged marriage and the confines of her life so far. The new headmaster encourages her. His name is Antonio Vivaldi.
Nach dem plakativen Melodram-Musical Gloria! von 2023 liegt mit der Verfilmung von Tiziano Scarpas Roman Stabat Mater nun eine differenziertere Aufarbeitung der venezianischen Waisenhaus-Orchester des 18. Jahrhunderts vor. Letztere nutzten die musikalische Ausbildung der jungen Frauen, um sie gewinnbringend zu verheiraten. Im Zentrum steht Cecilia, die sich gegen das ausbeuterische System stellt und zwischen Zwangsheirat und künstlerischer Selbstbestimmung entscheiden muss – unterstützt vom ebenfalls im System gefangenen Antonio Vivaldi. Der Regisseur Damiano Michieletto, von Oper und Theater herkommend, setzt auf reduzierte Inszenierung: dunkle Räume, zurückhaltende Musik, kaum barocke Opulenz. Seine Stärke liegt in der Arbeit mit den Darstellerinnen. Tecla Insolia überzeugt als Cecilia mit stiller Intensität und unterdrückter Wut, während Michele Riondino einen introvertierten, resignierten Vivaldi gibt. Spannung entsteht durch die überkreuzten Konflikte und Cecilias Sehnsucht nach einer greifbaren Herkunft, die sich in ihrem inneren Brief an ihre unbekannte Mutter ausdrückt. Ihr Dilemma entsteht, als ihr Talent erkannt wird. Michieletto zeigt, etwa in entwürdigenden Untersuchungen oder brutalen Racheakten, ungeschönt die Härte, mit der das System seine Schützlinge gefügig machte. Für einen grossen Film fällt die Figurenentwicklung zwar zu knapp aus, doch Primavera zeichnet ein aufschlussreiches Bild der ökonomischen Bedingungen der Zeit und der Genese von Vivaldis Werk als Teil eines Verwertungssystems, und dies endlich auch aus weiblicher Perspektive.
Michael SennhauserGalleryo
